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Der Mann des Glaubens
Der Waisenvater
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Sein Leben und Werk

 

 
August Hermann Francke wurde am 22. März 1663 in Lübeck als Sohn des Juristen Johannes Francke geboren.[ 1 ] Dieser trat 1666 als Staatsrat in den Dienst des Herzogs Ernst von Sachsen-Gotha ein. Während seiner Ausbildung am berühmten Gothaer Gymnasium zeigte sich schon früh Franckes hervorragende Sprachbegabung. Mit sechzehn Jahren begann er in Erfurt das Studium der Theologie, wechselte aber bald nach Kiel. Obwohl ihn seine Eltern eigentlich zur Theologenlaufbahn bestimmt hatten, widmete er sich zunehmend philologischen und historischen Studien.

1685 erwarb er in Leipzig an der philosophischen Fakultät den Magistergrad und erhielt die venia legendi für philologisch-exegetische Vorlesungen über biblische Texte. Auf Anregung des Theologen Johann Benedict Carpzov gründete er gemeinsam mit anderen jungen Magistern das collegium philobiblicum mit dem Ziel, biblische Texte gründlich zu studieren und auszulegen. Im Frühjahr 1687 lernte er Spener kennen. Bei einem Aufenthalt in Lüneburg erfuhr Francke im selben Jahr "die große Wende"[ 2 ] seines Lebens. Bei der Vorbereitung einer Predigt wurde ihm bewusst, wie stark seine Zweifel am christlichen Glauben waren. Trotzdem verharrte er im Gebet und erlebte schließlich die Überwindung aller Zweifel. Dieses Bekehrungserlebnis hat das weitere Leben Franckes bestimmt. Frömmigkeit, tätiges Christentum und die Ablehnung aller rein vernunftbestimmten Gelehrsamkeit prägten nun sein Leben.


 

Nach einem Aufenthalt in Hamburg, wo Francke im Katechismusunterricht und in einer Armenschule erste pädagogische Erfahrungen sammelte, kehrte er 1689 nach Leipzig zurück. Er setzte seine exegetischen Vorlesungen fort, die nun, anders als vor seiner Bekehrung, weniger sprachwissenschaftlich als "von religiös-praktischen Interessen bestimmt"[ 3 ] waren. Ähnlich geprägte, von Hörern aller Fakultäten besuchte Lehrveranstaltungen hielten einige mit Francke befreundete Magister. Nun eingerichtete Konventikel, in denen ohne Aufsicht von Professoren in deutscher Sprache Bibeltexte ausgelegt wurden und an denen auch Handwerker und Frauen teilnahmen, nahmen den Charakter von Erbauungsstunden an. Bald regte sich der Widerstand der Professoren und der orthodoxen Stadtgeistlichkeit. Francke und seine Freunde, von ihren Gegnern "Pietisten" genannt, wurden der Häresie bezichtigt und einem ausführlichen Verhör unterzogen. Die collegia philobiblica wurden verboten, Francke verließ Leipzig. Christian Thomasius, der sich in einem Rechtsgutachten für Francke verwandt hatte, wurden weitere Lehrveranstaltungen untersagt. Francke erhielt zunächst ein Pfarramt in Erfurt, wurde aber, als es auch dort zu Auseinandersetzungen mit der orthodoxen Geistlichkeit kam, Ende 1691 ausgewiesen. Spener lud ihn zu sich nach Berlin ein und machte ihn mit dem Premierminister Eberhard von Danckelmann bekannt. Danckelmann und Veit Ludwig von Seckendorff, den Francke schon aus Gothaer Zeiten kannte, vermittelten Francke nach einer Probepredigt die Pfarrstelle der St. Georgen-Kirche in Glaucha, einer Vorstadt Halles. Gleichzeitig wurde er zum Professor Graecae et Orientalium linguarum an die neue Universität Halle berufen.
 

Beim Amtsantritt Franckes im Januar 1692 zirkulierte in Halle bereits die von dem Stadtpfarrer Albrecht Christian Roth verfaßte Schmähschrift Imago Pietismi, die neben zutreffenden Behauptungen über die Pietisten auch üble Verleumdungen enthielt. Ein Konflikt zwischen der halleschen Stadtgeistlichkeit und Francke schien unausweichlich, als dieser entschlossen mit dem Aufbau der völlig verwahrlosten Gemeinde Glaucha begann. In der kleinen Vorstadt herrschte großes soziales Elend, eine Folge der Pest, der in den Jahren 1682/83 zwei Drittel der Bevölkerung zum Opfer gefallen waren.[ 4 ] Alkoholismus und Prostitution stellten die Hauptprobleme dar. Mit seinen Maßnahmen zur Durchsetzung der Sonntagsheiligung, der verschärften Beichtpraxis, die mit dem Ausschluss vom Abendmahl verbunden war, Kirchenstrafen in Form von Geldbußen, die der Armenkasse zugute kamen und manch anderen Neuerungen machte Francke sich nicht nur bei manchen seiner Gemeindeglieder, sondern auch bei der orthodoxen halleschen Geistlichkeit unbeliebt, die vom Magistrat und den magdeburgischen Landständen unterstützt wurde. Irrlehren und Störung des Kirchenfriedens warf man Francke vor und verlangte beim Kurfürsten seine Abberufung.
 
Die Waisernhäuser Franckes in Halle
 

Dass Francke nicht wie in Leipzig und Erfurt vertrieben wurde, verdankte er dem Schutz des brandenburgischen Staates. Die für Francke günstigen Gutachten zweier staatlicher Untersuchungskommissionen festigten in den 1690er Jahren seine Stellung ebenso, wie kurfürstliche Privilegien den Ausbau der später nach ihm benannten Stiftungen ermöglichten. Deren Anfänge fallen in das Jahr 1694. Die Unwissenheit der Kinder, die Francke feststellen musste, als er bei der wöchentlichen Armenspeisung Fragen aus dem Katechismus an sie richtete, veranlassten ihn zunächst zur Gründung einer Armenschule, dann zur Einrichtung eines Internats.[ 5 ] Bald schickten auch wohlhabende Bürger ihre Kinder auf Franckes Schule, die etwa bis zum Jahr 1700 zu einem umfassenden, an das Drei-Stände-Schema angelehnte Schul- und Internatssystem ausgebaut wurde. Die "Deutschen Schulen" waren Volksschulen für die Kinder von Handwerkern und Bauern. Die "Lateinischen Schulen" bereiteten Kinder des gehobenen Bürgertums auf das Universitätsstudium vor, während das Paedagogium Regium sich in erster Linie an den zukünftigen Lehrerstand richtete. Finanziert wurden diese Anstalten weitgehend aus freiwilligen Spenden. Als Lehrer dienten Studenten der Universität Halle, die für ihre Tätigkeit einen Freitisch im Waisenhaus erhielten. Für sie richtete Francke ein Lehrerseminar ein, das Seminarium Selectum Praeceptorum.
 

Im Todesjahr Franckes (1727) unterrichteten in den Stiftungen über 160 Lehrer etwa 2200 Schüler. 1698 wurden die Anstalten als Annexum der Universität angegliedert, somit dem Kurfürsten direkt unterstellt, und erhielten Akzise- und Zollfreiheit. Außerdem wurde die Einrichtung einer Apotheke, eines Buchladens und einer Buchdruckerei gewährt. Neben diesen Unternehmungen, die mit einem jährlichen Gewinn von zunächst über 10.000, später aber 20.000 Talern zum Unterhalt der Anstalten beitrugen, sicherte der Erwerb eines Bauerngutes zur Lebensmittelversorgung und eines Steinbruches zur Lieferung von Baumaterial die Stiftungen wirtschaftlich ab. Das Projekt einer Schifffahrtslinie scheiterte am Widerstand der Saale-Schiffer.
 
 

Der rasante Aufschwung der Stiftungen war in den Augen Franckes, seit 1698 Professor der Theologie, ein Werk Gottes und sichtbarer Ausdruck seiner Fürsorge, seines Segens. Das bisher Erreichte gab Francke die Hoffnung, dass eine "reale Verbesserung in allen Ständen in und auserhalb Teutschlandes, ja in Europa und allen übrigen Theilen der 'Welt"[ 6 ] möglich sei. In einigen deutschen Städten entstanden Waisenhäuser nach halleschem Vorbild. Durch Freunde, oft ehemalige Studenten Franckes, wurden Kontakte nach den Niederlanden, England und Skandinavien, nach Böhmen, Russland und Ungarn geknüpft. Francke unterstützte die Aussendung zweier Missionare nach Tranquebar in Ostindien durch Friedrich IV. von Dänemark, die lutherische Kirche in Pennsylvania erhielt entscheidende Anstöße aus Halle.[ 7 ] Tausende von Briefen belegen Franckes regen Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten in vielen Teilen der Welt.[ 8 ] Die 1710 entstandene Bibelanstalt, später nach ihrem maßgeblichen Förderer Baron von Canstein benannt, verbreitete allein in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens über 100.000 Neue Testamente und 80.000 Vollbibeln.[ 9 ] Zahlreiche religiöse Schriften wurden in verschiedenen Sprachen gedruckt und in weiten Teilen Europas vertrieben.
 

Am 8. Juni 1727 starb August Hermann Francke. Seine Lehren und sein Wirken als Prediger, Theologe, Pädagoge und Sozialreformer haben den preußischen Staat entscheidend geprägt. Unter Friedrich Wilhelm I. verlor der hallesche Pietismus seine ökumenische Weite, die Franckeschen Stiftungen wurden mehr oder weniger zu einer preußischen Erziehungsanstalt für Kirche, Schule und Militär.
 
Fußnoten:
[ 1 ] Dazu August Hermann Francke, Lebenslauff, 1690/91, in: Erhard Peschke (Hrsg.), Werke in Auswahl, Berlin 1969, 5 ff.. Grundlegende Darstellungen des Lebens Franckes'. Erich Beyreuther, August Hermann Francke, Marburg 1956. Dazu auch Klaus Deppermann, August Hermann Francke, in: Martin Greschat (Hrsg.), Orthodoxie und Pietismus, Stuttgart u. Berlin 1982, 241-260
[ 2 ] Beyreuther,Geschichte des Pietismus, Stuttgart 1978, 132.
[ 3 ] Deppermann, Francke, 245.
[ 4 ] Erich Neuß, Das Glauchische Elend 1692, in: August Hermann Francke.Das humanistische Erbe des großen Erziehers, hrsg. v. Francke-Komitee, Halle u. Wittenberg 1965, 22f.
[ 5 ] Francke schildert dies ausführlich in Die Fußstapffen des noch lebenden und wartenden liebreichen und getreuen GOTTES, Glaucha an Halle 1701, Werke in Auswahl, 31 ff.
[ 6 ] Projekt zu einem Seminario universale, 1701, Werke in Auswahl, 108.
[ 7 ] Erich Beyreuther, August Hermann Francke und die Anfänge der ökumenischen Bewegung, Hamburg 1957, 159 ff.
[ 8 ] Jürgen Storz, Hauptbibliothek, Archiv und Naturalienkabinett der Franckeschen Stiftungen, in: Francke-Komitee, Das humanistische Erbe, 104 f.
[ 9 ] Kurt Aland, Carl Hildebrand von Canstein und die von Cansteinsche Bibelanstalt, Bielefeld 1983, 16.


Anmerkung: (c) Andreas Herm. Vervielfältigung und Veröffentlichung nur mit Genehmigung des Autors. Sie können den Kontakt zum Autor über die August-Hermann-Francke-Schule aufnehmen. (siehe Impressum)